Manchmal reden wir im Büro in der Kaffeeküche über die Bücher, die wir gerade
lesen. Mein albanischer Kollege, der darauf besteht, dass sein Deutsch nicht gut
genug ist, um eine Unterhaltung zu führen, liest gerade Thomas Bernhard, ein
anderer Kollege liest für seinen Buchklub ein Buch, dessen Titel er mir nicht
sagen kann, aber es ging im ersten Kapitel um Moskau während der Sowjetzeit und
im zweiten um Pontius Pilatus. Wie das zusammenpassen wird, weiß er noch nicht.
Ich kann seit fast einem Quartal nur darauf hinweisen, dass ich immer noch an
Walter Isaacsons Leonardo Da Vinci Biografie laboriere.In der Zwischenzeit habe ich aber auch “Notes On Being a Man” von Scott Galloway
auf Spotify gehört. Ich erkläre, dass ich den Sinn des Buches nicht ganz
verstehe, weil darin ausschließlich selbstverständliche Binsenweisheiten, die
wohl niemandem neu sein sollten, verpackt in persönlichen Anekdoten eines
fremden Mannes zu finden sind. Dass es sich um einen Bestseller handelt, erkläre
ich mir damit, dass der Autor jüngst Erfolge mit eigenen Podcasts hatte und
außerdem ein äußerst erfolgreicher Marketer ist. Wer also, wenn nicht er, sollte
es schaffen, sein Produkt an den Mann zu bringen?Hätte ich damals schon die Zeit gehabt, diese Rezension zu schreiben, dann hätte
ich es vermutlich dabei belassen, aber erst jetzt, mit einigem Abstand, verstehe
ich, dass das Buch in die Kerbe “Manosphere” schlägt. Die Manosphere beschreibt
eben die Gruppe junger Männer, für die oben genannten Binsenweisheiten eben
nicht selbstverständlich sind. Das macht sie anfällig für die degeneriertesten
misogynen Auswüchse des weltweiten Netzes. Die konservative Haltung, dass der
Mann das Familienoberhaupt ist, ist nur dann tragbar, wenn sich der Mann
gleichzeitig seiner Verpflichtung bewusst ist, die eigenen Bedürfnisse immer
hinter die seiner Familie zu stellen. Es funktioniert nur dann, wenn der Mann
immer mehr gibt, als nimmt.Für junge Männer, die das nicht schon wissen, sondern die zwischenmenschlichen
Beziehungen alleine als Machtkämpfe begreifen, in denen sich immer jemand auf
Kosten anderer durchsetzen muss, wo ein Sigma-Alpha-Chad dominieren und eine
Frau dominiert werden muss, ist das ein gutes, wichtiges Buch. Ich bin froh,
dass es ein modernes Buch für diese Zielgruppe gibt, das den Fokus auf das
Geben, Großzügigkeit, Bescheidenheit und Selbstreflexion legt. Gott sei Dank bin
ich nicht die Zielgruppe des Buches.