Leonardo da Vinci
The Biography
Egal, wie interessant ein Buch ist, ab Seite vierhundert zieht es sich einfach wie Omas Strudelteig. So auch bei diesem - ist es das schon? - Standardwerk; obwohl ich gefesselt von dem Inhalt bin, haben die letzten Kapitel mich Monate gekostet. Das Buch, wie auch Leonardos Leben sind ein Plädoyer für eine liberale Gesellschaftsordnung, in der ein linkshändiger, schwuler Bastard wie Leonardo nicht nur über - grosso modo - dieselben Rechte verfügt wie seine ehelich geborenen Halbgeschwister, sondern es auch zu Ansehen, ein wenig Berühmtheit und relativem Reichtum (wenn auch nie finanzieller Unabhängigkeit von seinen Mäzenen) bringen kann.
Es gibt so viel Interessantes in diesem Buch, vor allem für einen Nostalgiker wie mich, dass die Höhepunkte des Buches fast das gesamte Buch sind. Von den frühen Landschaften, die Leonardo als junger Bub in der Gegend rund um das Dörfchen Vinci gemalt hat, über die Lehrjahre in Verrocchios Werkstatt1, die Notizen zu diversen Bühneneffekten, die Arbeit an einer riesigen Reiterstatue, die anatomischen Notizen und die dutzenden anderen Gebiete, für die sich Leonardo nicht nur interessierte, sondern in denen er sich verdient gemacht hat. Wobei oft “verdient gemacht hätte” die präzisere Formulierung wäre, denn publiziert hat Leonardo nichts, da stand ihm sein Perfektionismus im Wege. Mich interessiert das alles.
Lediglich die detaillierte Auseinandersetzung mit seinen Malereien, der Kunstform, mit der er es damals wie heute zu Berühmtheit und Anerkennung schaffte, kann ich nicht wirklich folgen. Bildkomposition klar, Bewegung einfangen, ja, das sehe ich, aber das gesamte Martyrium eines apokryphen Evangeliums im linken Mundwinkel eines androgynen Erzengels Gabriel ablesen, da steige ich aus.
Was ich besonders beeindruckend finde, ist der vitruvianische Mann. So wie jeder andere kannte ich den natürlich schon, aber die Idee, die in den wiedergefundenen Schriften Vetruvius’ schriftlich ausgedrückt war, wurde nicht nur von Leonardo visualisiert, viele andere haben sich auch daran versucht. In den Versuchen seiner Zeitgenossen erkennt man erst den unnahbaren Genius des Leonardos aus Vinci.
Footnotes
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David, c. 1466–1469, Bargello, Florenz. Walter Isaacson vermutet, ein vierzehnjähriger Leonardo sei für die Arbeit Modell gestanden.
Bildrechte:
Wikipedia-Nutzer Rufus46 - Eigene Arbeit, CC BY-SA 3.0, Link ↩
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