Wie sich die Programmiererei in den vergangenen zwölf Monaten verändert hat,
kann sich ein Außenstehender nicht wirklich vorstellen. Ich stelle es mir so
ähnlich vor, wie der Taschenrechner die Buchhaltung beeinflusst hat. Am einen
Tag benutzt man sein Hirn noch, am nächsten Tag wird die kognitive Arbeit durch
taktiles Knöpfchendrücken abgelöst.Es war ein großer Tag für uns alle, als wir in der dritten Klasse der AHS unsere
Texas Instruments Taschenrechner bekommen haben. Natürlich waren die ersten
Punkte an der Tagesordnung so intellektuelle Höchstleistungen, wie die Zahl
„58008“ einzugeben, um durch das Umdrehen des Rechners auf den Kopf das Wort
„BOOBS“ zu enthüllen, aber danach kam die Einführung durch unseren Lehrer. Er
hat uns erklärt, was das Ding alles kann, was es könnte, wir aber nicht brauchen
werden und was es nicht kann. Das hat zirka zwanzig Minuten gedauert. Niemandem
wäre eingefallen, den Musik-, Geographie- oder Lateinunterricht zu kürzen, um
mehr Platz für „Taschenrechnerkompetenz“ zu schaffen.Zwanzig Jahre später habe ich für meine Arbeit als Softwareentwickler also
wieder so ein praktisches Ding zum Arbeiten bekommen: Large Language Models
(LLM) à la ChatGPT. So wie die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen verwende
ich die KI bei weit über der Hälfte meiner Aufgaben als unterstützendes Mittel.
Es vereinfacht mir die Arbeit, erhöht meine Produktivität und Effizienz.Der Trugschluss liegt nahe, dass ein so zentrales Instrument unbedingt auch der
Jugend nähergebracht werden muss, es ist ja immerhin die Zukunft! Ein zentraler
Punkt wird dabei aber übersehen: Die Bedienung der Künstlichen Intelligenz ist
in jedem Gebiet ihrer Anwendung der allereinfachste Teil.Folgen Sie mir bitte in ein Gedankenexperiment. Zwei Personen, nennen wir sie
Anna und Benny, werden beauftragt, Software zu schreiben. Sie soll auf
Herzschrittmachern laufen. Heikle Materie, ein Fehler kann buchstäblich Leben
kosten. Anna hat zwei Dekaden Berufserfahrung in der Softwareentwicklung und
noch nie Künstliche Intelligenz verwendet. Benny ist wirklich gut in der
Bedienung Künstlicher Intelligenz, hat aber noch nie eine Zeile Code
geschrieben. Zur Erledigung der Aufgabe müssen beide Personen verpflichtend
Künstliche Intelligenz verwenden. Jetzt die Frage: Kann sich Anna schneller mit
KI zurechtfinden, oder kann Benny schneller so viel über Software lernen, dass
er den KI-generierten Code verifizieren kann?Die meisten würden einsehen, dass ein tiefes Verständnis von Software wesentlich
schwieriger und zeitintensiver zu erarbeiten ist als das Tippen in eine Box.Wer Kinder und Jugendliche auf die Welt mit KI vorbereiten will, der muss ihnen
eher die Instrumente geben, sich gegen den Sirenengesang zu wehren, der
sofortige Erlösung von jedem Zustand kognitiver Anstrengung verspricht. Ist es
wirklich notwendig, den Kopf qualmen zu lassen, wenn ich die Aufgabe einfach in
die nächste Chatbox im Internet eingeben könnte, die mir dann die Antwort
ausspuckt? Ist es das wert, das Handy wegzulegen, um “De Bello Gallico” zu
übersetzen, wenn ich genauso gut auf TikTok jemandem zuschauen könnte, der sich
mit Weichspüler die Zähne putzt?Der kanadische Psychiater Norman Doidge beschreibt in seinem Bestseller „The
Brain That Changes Itself“, wie die jüngere Neurologie zur Erkenntnis gekommen
ist, dass Veränderungen im Hirn durch aktives Denken kein abstraktes Modell,
sondern tatsächlich plastische Realität sind. Die Gedanken, die wir haben, die
Aufgaben, die wir lösen, die Herausforderungen, an denen wir arbeiten, knüpfen
neue Synapsen, verstärken bestehende und lassen brachliegende verkommen. Das
trifft auf junge Gehirne noch viel mehr zu als auf alte und kann so deutliche
Spuren hinterlassen, dass man die Veränderungen mit freiem Auge sehen kann.Als einer der vermutlich wenigen Softwareentwickler mit großem Latinum und
Graecum bin ich froh über die Synapsen, die ich mir im Gymnasium schwer
erarbeitet habe. Großteils mit den Dingen, von denen wir alle wissen, dass wir
sie nie wieder brauchen werden: Kurvendiskussionen, Kegelschnitte und Kafka. Die
Neuronenbahnen, die sich in meinem Hirn dabei gebildet haben, helfen mir heute
aber, die Welt um mich herum in breiterem Kontext zu verstehen. Klar, vielleicht
wäre ich besser in meinem Job, wenn ich statt Ovids Metamorphosen auswendig zu
lernen, in der HTL Diagramme von Stromkreisen gezeichnet hätte, aber wer würde
den Kollegen beim Kaffee dann erzählen, dass Marc Aurel seine
„Selbstbetrachtungen“ in Carnuntum geschrieben hat?Sowohl bei meinen Kollegen als auch bei mir selbst sehe ich den kognitiven
Muskelschwund, der mit dem geistigen Äquivalent eines doppelten Schienbeinbruchs
einhergeht. Eine gesunde Reaktion darauf ist aber definitiv nicht, mich noch
konsequenter durch die KI vertreten zu lassen. Ich werde die Zeit, die ich mir
durch das neue digitale Werkzeug erspare, mit wertvollen und schönen Dingen
verbringen, die den Verstand schärfen. Latein zum Beispiel.