Vom Urlaub mit unserem drei Monate alten Baby muss ich Ihnen jetzt aber doch
auch noch erzählen. Ich war ja von vornherein dagegen. Mit einem so kleinen Kind
fliegen. Heiß ist es in der Türkei auch und medizinische Versorgung weiß man ja
auch nicht wirklich. Also ich habe es für keine gute Idee gehalten, aber weil
die ganzen Verwandten und Verschwägerten aus aller Herren Länder auch gekommen
sind, haben wir uns eben angeschlossen. Die wollen ja auch alle das Baby sehen.Jetzt sitze ich also da, schon kurz vor zwölf habe ich mich an einer
symbolischen Absperrung vorbei zu den Futtertrögen des Mittagsbuffets vorbei
geschummelt, um schon einmal zu sondieren, was ich denn da heute wollen könnte.
Man kann entweder gleich beim Buffetbereich essen, wo immer zu stark
runtergekühlt wird, oder draußen, wo es viel zu heiß ist. Kurz nach zwölf ist es
mittlerweile, und ich sitze an einem großen Tisch, den ich für die ganze Sippe
reserviert halte. Außer mir ist noch keiner da, aber auf WhatsApp laufen die
Koordinierungsgespräche auf Hochtouren. Kinder müssen abgetrocknet und angezogen
werden, und selbst das erst, wenn man sie vorher nicht erst finden oder
disziplinieren muss.Meine Sondierung des Mittagsbuffets hat ergeben, dass es im Prinzip dasselbe
gibt, wie gestern: Frittiert wird alles, außer Schweinefleisch. Dann gibt es
Pasta, Pide, Pommes; gegrilltes Fleisch, gegrillten Fisch, gegrilltes Gemüse.
Salat und Charcuterie teilen sich eine Nische. Nur statt dem Tika Massala gibt
es Paprikahuhn, statt der Lasagne Moussaka und auf dem verwaisten “Diet”
Tischchen, schaut heute der gekochte Brokkoli so traurig aus der Backform, wie
gestern die Kohlsprossen. Man darf sich streiten, ob man da schon von
Abwechslung sprechen kann.Neben mir hat sich mittlerweile eine Kolonne gebildet, die vom Strand Richtung
Essen pilgert. Wie Ameisen, nur alle mit Sonnenbrand und Handy in der Hand.Oleg, Herzpatient aus Swerdlowsk Oblast, watschelt mit langsamem Schritt,
schwerem Atem und leerem Blick zum erstbesten Tisch, um seine Bauchtasche
abzulegen. Seine Frau Svetlana und seine Tochter Anja, beide Herzpatienten in
spe, watscheln ihm nach.Mit hochrotem Schädel folgt ihnen Keith aus Manchester. Er hat gestern ein
bisschen zu viel Bier getrunken, obwohl er währenddessen immer wieder beteuert
hat, dass ihm dieses Efes gar nicht schmeckt. “Tastes loike piss, innit?” Er
würde am liebsten entweder kotzen oder weitertrinken, traut sich aber beides
unter den mürrischen Augen seiner von Kopf bis Fuß tätowierten Frau nicht. Ihr
kleiner Rotschopf Nathan jammert präventiv nach einer “oice cream”. Die Mutter
fragt ihn, ob er dumm ist, oder warum er sonst ohne Kappe in der prallen Sonne
spazieren gehe. Widerwillig lässt er sich die Manchester United Schirmkappe
auf den Kopf setzen. Papa Keith hat nicht begriffen, dass er mitgemeint war.Auf ihrem Weg zum Buffet müssen sie achtzig Kilos aus Mecklenburg-Vorpommern
ausweichen. Die elfjährige Jacqueline hat sich einen Teller emotionslos, aber
mit bewundernswertem Zug zum Ziel beladen. Darauf die gesamte kulinarische
Bandbreite der Farbe Beige: Nudeln, Nuggets, Pommes, Schnitzel und Brot.
Zielstrebig trägt sie das Erbeutete an den Tisch, den sie ohne besonderen Grund
anvisiert hat.Der neunjährige Sören aus Bremen hat hingegen keine Gewichtsprobleme, eher im
Gegenteil. Er hat ohne von seinem Handy aufzuschauen, an dem Tisch Platz
genommen, an den ihn seine Großeltern mit kurzen “Links, Rechts” Kommandos
gelotst haben. Er hat sich bei seinem Opa, der für alle Essen holen gegangen
ist, nur eine Cola bestellt. Das Glas hat er dann dafür verwendet, um sein Handy
dagegen zu lehnen. Oma bemüht sich ihm zuerst eine Gurke schmackhaft zu machen
und nachdem er am Ende immer noch nichts gegessen hat, versucht sie ihm in aller
Verzweiflung zumindest ein Baklava von der Seite in den Mund zu schieben.
Chancenlos. Der Bildschirm hat ihn gefangen. Sein Opa nimmt es resigniert zur
Kenntnis und starrt selbst stumm auf sein Handydisplay. Ihn hat es aber nicht
daran gehindert, einen ambitionierten Teller Börek zu vernichten.Eine internationale Ansammlung moderner Menschen, die man da beobachten kann.
Interkulturell. Wobei die Kulturen sich da eigentlich sehr ähneln. ‘Divers’
würde man heutzutage sagen. Da sticht es einem dann richtig ins Ohr, wenn man
einmal die vertraute Zunge der Heimat hört.“Donn hot er mir erst recht wieder Paradeiser in Börger tan, der Voitrottel!”
Mario, Starstürmer der U14 des FC Inzersdorf, macht hinter mir seinem Unmut
Luft.“Na hostas erm gsogt?” hallt es vom Tisch zurück.“Versteht jo nix, der Tirk.”Murat, der seit fünfundzwanzig Jahren im türkischen Tourismus arbeitet und sich
durch ‘Gute Zeiten, Schlechte Zeiten’ und ‘Lindenstraße’ fließende
Deutschkenntnis angeeignet hat, hätte ihn sehr wohl verstanden, wenn er seine
Sonderwünsche so vorgetragen hätte wie Jacqueline, aber Hochdeutsch war seiner
Meinung nach fia Worme und so hat er Paradeiser auf jeden seiner Börger
bekommen.Ich beobachte das ganze Schauspiel vor einem vollen Teller Kroketten, die ich
liebe, und frittiertem Hendl, das gleich daneben gestanden hat. Das war
sozusagen Teil der Sondierung. Meine guten Vorsätze sind an diesem sechsten Tag
des Urlaubs schon bis zur Unkenntlichkeit erodiert. Die bunten Salat- und
Gemüseteller des ersten Wochenendes haben sich schrittweise zu gehäuften Tellern
voller einmaliger Ausnahmen verwandelt. Ein einsamer Brokkoli und ein an den
Rand des Tellers verbanntes Löffelchen Gurkensalat müssen ganz alleine mein
moralisches Überlegenheitsgefühl stützen: keiner macht sich hier irgendwelche
Gedanken über Klimawandel, Plastikmüll in den Ozeanen, die diversen
geopolitischen Krisen. Keiner schert sich um gesunde Ernährung oder die globalen
Konsequenzen ihres ungezügelten Konsums. Für den Heimflug muss ich mir noch
Netflix-Serien auf mein Handy laden. Das Baklava probier’ ich schon noch.